15.03.2012 campus-leben

Literatur als Hör-Kosmos

Ein gut gelaunter Christian Brückner liest am mediacampus

Die Veranstaltungs-AG des 172. Berufsschullehrgangs präsentierte am gestrigen Abend eine Lesung mit dem diesjährigen Preisträger des Deutschen Hörbuchpreises Christian Brückner. Ein Bericht von Katharina Grothe, Teilnehmerin des Berufsschul-Lehrgangs am mediacampus und Auszubildende bei Bücherhaus Jansen, Rüsselsheim.

 Ja, er ist die deutsche Stimme von Robert de Niro. Aber deshalb war er nicht am mediacampus. Am Vorabend war Christian Brückner in Köln der Deutsche Hörbuch-Sonderpreis für sein Lebenswerk verliehen worden und tatsächlich ist „The Voice“ der Deutschen Hörbuchlandschaft über Jahre hinweg ein solches „Schwergewicht“, dass diese Ehrung längst überfällig war. In Empfang nahm er den Preis zusammen mit seiner Frau Waltraut, mit der er 2000 das eigene Label parlando gründete, und die bei all seinen Aufnahmen Regie führt. Deswegen war Brückner einen Abend später am mediacampus. Begleitet wurde er von Esther Maria Roos, der Geschäftsführerin des Deutschen Hörbuchpreises e.V., und von Dr. Franz Josef Götz, FAZ-Redakteur und Mitglied der Jury. „Der Preis versteht sich als Qualitätssiegel, als `Kompass für die Ohren´ in der zunehmenden Unübersichtlichkeit hörbarer Bücher“, so Roos. Besonders sei in diesem Jahr die Zusammenarbeit mit einem blinden Juror gewesen, der als hochsensibler Akustik-Experte manch einen Sehenden neu Hören gelehrt habe.

Unter dem „Motto (Her)Sehen – (Her)Hören“ stand auch der Veranstaltungsrahmen, für den die auszubilden Buchhändlerinnen und -händler des aktuellen Berufsschul-Lehrgangs am mediacampus frankfurt im Rahmen der regelmäßig stattfindenden Veranstaltungs-AG verantwortlich zeichneten. Nach einer „stummen“ Begrüßung durch Seh-bare Schilder berichteten Roos und Götz einführend von  ihrer Arbeit beim Deutschen Hörbuchpreis – und dann gab Christian Brückner eine Kostprobe seiner Kunst.

Ungewöhnlich: Das Publikum hatte zuvor Augenbinden erhalten und ließ sich nun „blind“ in den Text „Scardanellis Gedächtnis“ von Peter Schünemann entführen. „Der Text ist ein Kosmos in mir“, sagt Brückner – und so liest er auch. Der Text wird Klang und Bild und tatsächlich sieht man jede Menge – mit verbundenen Augen. Dabei ist es durchaus auch interessant, Brückner beim Lesen zuzusehen – fast tänzelnd bewegt er sich, um den Text zu fühlen und der Stimme Raum zu geben.

Jede Textinszenierung sei wie eine Art reduziertes Schauspiel, sagt er im anschließenden Interview und auch, dass dabei ein kritischer Regisseur wichtig sei. Für ihn ist das seit vielen Jahren seine Frau. Ob das gut sei? Ja, sagt er, sie sei nach so vielen Jahren und Preisen in der Branche eine der Wenigen, die ihm ehrlich sagten, wenn etwas „Mist“ ist. Ob er sich auch als Vermittler sehe, mögliche Zugänge zu Texten freilegen wolle, so eine Frage der angehenden Buchhändler. Auch das sei ihm wichtig und die Sätze eines Handwerkers, der ihn in einer Kneipe ansprach („Dich kenne ich. Du liest mir immer vor. Wenn du mir vorliest, verstehe ich jedes Wort.“), habe er lange als die höchste Auszeichnung seiner Arbeit empfunden. Nach gelungenen eineinhalb Stunden mit Brückner am mediacampus bleibt nur noch, jenem Handwerker mit Nachdruck zuzustimmen.

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