06.11.2012 campus-leben

prof. dr. roland reuß zu gast am mediacampus

die welt der editionswissenschaft

Am Abend des 31. Oktobers durfte ich den Heidelberger Literaturwissenschaftler Roland Reuß begrüßen und somit den zahlreich erschienenen Auszubildenden einen faszinierenden Einblick in die Welt der Editionswissenschaft eröffnen.

Reuß ist zusammen mit Peter Staengle Herausgeber der Kleist-Ausgabe und der Kafka-Ausgabe aus dem Stroemfeld Verlag, in dem vor kurzem ebenfalls sein Text Ende der Hypnose. Vom Netz und zum Buch erschienen ist. Warum mir diese Veranstaltung inhaltlich so am Herzen liegt? Das berichte ich gern:

Was ist das Kritische an einer kritischen Ausgabe. Erste Gedanken anläßlich der Edition von Kleists Erzählung »Die Marquise von O....«  – diesem Text von Roland Reuß begegnete ich erstmals in meiner Ausbildung zum Buchhändler, genauer im Oktober 2000. Dass ich das Phänomen der Editionsphilosophie – inhaltlich sowie haptisch – bereits im Rahmen meiner Buchhändlerausbildung kennenlernte, mag angesichts aktueller Sortimentsgestaltung im Buchhandel nur vordergründig verwundern. Denn bei aller tatsächlichen und nachgesagten Veränderung der Branche ist die Grundvoraussetzung dazu weiterhin die gleiche wie damals: Ein Verständnis von Ausbildung, das dem Menschen die Möglichkeit bietet, rechts und links zu schauen jenseits des Alltags-Geschäfts. Das bedeutet, dem Menschen – und um ihn muss es meines Erachtens in der Ausbildung gehen – Zeit und Muße zu geben, um damit Kontakt aufzunehmen, worum es eigentlich geht. Konkret im Buchhandel bedeutet das: Kontakt zur Literatur, Kontakt zum Buch.

Als Literaturdozent gestalte ich meinen Unterricht nach der Vorstellung, dass „Kontakt auf der Grenze“ stattfinde. Mit „Grenze“ verstehe ich hier den Ort, an dem wir unmittelbar und direkt mit einem Gegenstand/einem Thema konfrontiert sind. Mag dieser Ort nun politisch, inhaltlich oder haptisch sein. – Wir sind an einem unausweichlichen Punkt angelangt, an dem eine Auseinandersetzung stattfinden muss. Diese Auseinandersetzung, dieser Kontakt erweitert den geistigen Horizont, indem es den Gegenstand, um den es geht, in seiner Ursprünglichkeit, in seiner Essenz aufzeigt, ihn direkt und unmittelbar in den Händen halten lässt. Diese Form der Auseinandersetzung wiederum ist die Voraussetzung jeglicher Kritik-Fähigkeit. Zweierlei Kontaktmöglichkeiten gibt es dabei: Entweder in Gestalt der Freude oder in Gestalt der Krise; des Lachens oder des Weinens. „Die Erfahrung der Krise ist abgründig“, so Reuß.

Der Kontakt zu Roland Reuß´ Kleist-Edition stürzte mich damals in eine Krise. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich mir nicht mehr sicher sein konnte, wessen Text ich eigentlich gerade lese: Den des Autors oder den eines Herausgebers. Es war für mich eine einschneidende Erfahrung, aber diese, wie Reuß es formuliert „grundstürzende Erfahrung, alles vertraut Geglaubte einschließlich des Bildes, das man sich von sich selbst macht, kollabieren zu sehen, gibt auch einen anderen, einen neuen Anfang frei, der von den zuvor fixierten und in der Fixierung gehaltenen Entgegensetzungen gereinigt ist.“ Dieses wiederum zu erleben, kann eine sehr große Freude sein. 

Ich wagte also das Experiment, auch die gegenwärtigen Auszubildenden daran teilhaben zu lassen, und ziemlich genau zwölf Jahre nach meinem ersten Kontakt, bot sich die Gelegenheit dazu. Spätestens als Reuß dem anwesenden Publikum seine Kleist- und seine Kafka-Edition vorstellte, gelang dieser Plan. Reuß´ literaturgeschichtliche und editionswissenschaftliche Ausführungen begeisterten! Beispielsweise das Verfahren einer Diplomatischen Umschrift der Handschriften Kafkas im Vergleich zu anderen Editionen. Oder die Frage, warum und wie Max Brod die Texte Kafkas nach dessen Tod herausgegeben hat – all dies eröffnete dem Branchennachwuchs einen ganz neuen Blick auf Kafkas Texte und deren Ausgaben, welche die Auszubildenden bislang in den Händen hielten. Leider war der Abend insgesamt zu kurz, als dass auch auf Reuß´ neues Buch Ende der Hypnose. Vom Netz und zum Buch gebührend hätte eingegangen werden können. Allein, ich hoffe auf die Zukunft, auf ein Wiedersehen.

Vielen Dank, auch im Namen der Azubis, sagt Osama Ishneiwer.

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