31.05.2013 campus-leben

Literatur als Möglichkeit

Literaturdozent Osama Ishneiwer berichtet

Am Abend des 29. Mai folgten über 30 Auszubildende einer weiteren Einladung, Literatur zu erleben: Channah Trzebiner stellte ihr bei weissbooks.w verlegtes Buch «Die Enkelin oder Wie ich zu Pessach die vier Fragen nicht wusste» vor.

Das Buch ist der Versuch, die eigene Identität zu bestimmen. Die eigene Identität als Mensch, als Frau, als Jüdin, als Enkelin Überlebender der Shoah und als Deutsche. Trzebiner erzählt von den sie prägenden Erfahrungen ihrer Großeltern, welche selbst – wie viele Überlebende – nie fähig gewesen sind, diese sprachlich zu artikulieren.

Unmissverständlich macht die Autorin deutlich, wie tief sich das Unbeschreibbare als Unbeschreibbares von Generation zu Generation überträgt: «[Ich] malte mir aus, wie hoch die Schmerzgrenze wäre, die ich in Kauf nähme, um meine Familie glücklich zu sehen. (…) Ich überlegte, ob ich dafür Kot essen würde, ob ich mir einen Arm abschlagen ließe, beide Arme, beide Beine? Ich würde alles tun, um sie lachen zu sehen. Sterben auch? Natürlich auch sterben. (…) Damit war ich zufrieden. Ich verrate euch nicht, ich leide mit euch. Wenn dies das unsichtbare Band zwischen uns ist, bin ich eine von euch.»

Channah Trzebiner aber stirbt nicht. Indem sie spricht, gelingt es ihr vielmehr, das unsichtbare Band sichtbarer aufrechtzuhalten. Als Vertreterin der Dritten Generation berichtet sie radikal mit Liebe und Humor von Momenten ihrer Lebensangst, Wut, Verzweiflung und Hoffnung.

Bis auf wenige geänderte Namen entspricht alles in dem Buch der Realität. Trotzdem ist es kein bloßer Tatsachenbericht: Es ist die Kraft der Prosa, die uns den Inhalt spüren lässt. Tief berührt folgten die anwesenden Auszubildenden der Stimme Trzebiners. – Eine prosaische Stimme, die beeindruckt und von der wir hoffentlich noch oft hören und lesen werden.

Der weissbooks.w Verlag beweist wieder einmal mehr sein Gespür für gute Literatur. Weiter so und alles Gute!

Hier gibt es weitere Informationen zu Channah Trzebiner.

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