23.01.2014 campus-leben

Tschichold – na und?

Ein Abend mit Gerd Fleischmann über die Ästhetik des Buches

Das Abendveranstaltungsprogramm des 1. Berufsschulblocks 2014 bot den Auszubildenden bereits in der dritten Woche spannende und unterhaltsame Abende: Mit den Verlegern Heinrich v. Berenberg (Berenberg Verlag), Klaus Sander (supposé), Georg Stauth (Vantage Point World-Verlag), der Literaturkritikerin Katharina Borchardt, den Autoren Axel Dielmann, Saskia Berwein und Nils Mohl konnte dem Branchennachwuchs ein direkter und authentischer und facettenreicher Kontakt zur Buch- und Medienbranche ermöglicht werden.

Der Abend des 21. Januars stand nun ganz im Zeichen der Typografie, denn zu Gast waren der Verleger Thedel von Wallmoden (Wallstein Verlag) und der bekannte Typograf Gerd Fleischmann. Im Wallstein Verlag erscheint die von Klaus Detjen herausgegebene Reihe ›Ästhetik des Buches‹, in der sich Fachleute aus verschiedenen Disziplinen sich den einzigartigen Qualitäten des Mediums Buch widmen. »In Essays, Porträts und Kommentaren wird das Objekt ›Buch‹, seine Optik, Haptik und Formgebung, seine Wirkung und Funktion aber auch die Tradition der Typographie und Buchgestaltung diskutiert. Dieser längst überfällige Diskurs zur Buchform und zum Buch als Form konzentriert sich auf die sinnlichen und lesetechnischen Vorteile dieses Mediums und vermittelt Einblicke in die Arbeit am Buch.« Damit stellt sich der Verlag selbstbewusst gegen die so oft behauptete These von der Antiquiertheit oder gar vom Tod des Buches. – ›Ästhetik des Buches‹ ist inhaltlich und gestalterisch auf aller höchstem Niveau und eine pure Freude für alle Freunde des Buches und damit hoffentlich auch für so manchen Buchhändler.

Gerd Fleischmann wirft in seinem Bändchen ›Tschichold – na und?‹ einen aktuellen Blick auf den wichtigsten Typografen des 20. Jahrhunderts. »Jan Tschichold (1902–1974) gilt Typografen als Guru, vor allem als Autor, aber auch als Gestalter. Bis zu seiner Emigration 1933 war er ein Verfechter der Neuen Typographie, wurde dann aber zunehmend zum Gralshüter der Tradition. Er hat sich in über 50 Jahren seines Schaffens zu fast allen Fragen geäußert, die sich einem typografischen Gestalter stellen können. Seine Vorträge, Aufsätze und Bücher haben weltweit die Szene beeindruckt und beeinflusst, aber auch seine Buchgestaltung. Sein Denken war bestimmt von der Technik des Bleisatzes und des Buchdrucks. Höhepunkte sind die Satzregeln, die er 1947 für die Penguin-Klassiker-Paperbacks formuliert und bis 1949 durchgesetzt hat und seine Schrift Sabon, die bis heute eine beliebte Buchschrift ist. […] Zum ersten Mal werden in dem Band die ›Penguin Composition Rules‹ von 1947 und ihr Pendant ›Satzregeln eines buchherstellers‹ von 1951 einander gegenüber gestellt.« (Alle Zitate sind der Verlagshomepage entnommen).

Fleischmanns Besuch in der Piper-Lounge war für den mediacampus eine große Ehre und Freude. Wie kaum ein anderer Typograf kann er über Tschicholds Lebensgeschichte und dessen durchaus auch widersprüchlichen ästhetischen Reflektionen berichten. Fleischmanns Ausführungen zur Moderne (Bauhaus, insbesondere László Moholy-Nagy), oder aber zur Gestaltung Marshall McLuhans Schriften, konnten den angehenden Medienkaufleuten und Buchhändlern ganz neue Wege im Denken eröffnen. – Allein schon deshalb war dieser Abend so wichtig!

Mehr aus dem Bereich campus-leben