10.06.2014 campus-leben

Ulrich Herbert bringt die «Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert» auf den Campus

Die Auszubildende Antonia Knapp berichtet

Nachdem Wallstein-Verleger Thedel von Wallmoden zwei Tage zuvor bei seinem Besuch auf dem Campus den Freiburger Professor Dr. Ulrich Herbert bereits als 'Spitzenhistoriker' und ebenso interessanten wie umgänglichen Gesprächspartner wärmstens empfohlen hatte, besuchten am Abend des 5. Juni gut 50 Schüler und Lehrende die von der Veranstaltungs-und-Lese-AG vorbereitete Buchvorstellung. Anlass war Herberts vor Kurzem im C.H.Beck Verlag erschienene, vielbesprochene und – zur Überraschung und Freude des Autors – offenbar auch kommerziell erfolgversprechende «Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert».

In seinem einführenden Vortrag zeichnete der Historiker zunächst die Grundlinien seines mehr als 1000 Seiten umfassenden Werks nach, das keine «methodisch kontrollierte Produktion neuen Wissens» bietet, wohl aber eine «Zusammenfassung vorhandenen Wissens unter – hoffentlich! – innovativen Gesichtspunkten» sein will. Dabei schilderte er – ähnlich wie im Buch selbst – präzise, konzentriert und dicht, dabei aber durchaus fesselnd, lebensnah und mit Gegenwartsbezug, welchen großen Fragen der deutschen und europäischen Geschichte er während seiner zehnjährigen «Kärrnerarbeit» an diesem Text nachgegangen war:

Auf welche Herausforderungen versuchen die Gesellschaften im Laufe der Jahrzehnte zu antworten? Woran kann man sich noch festhalten, wenn sich alles verändert? – wie es von etwa 1890 bis 1914 rasant geschehen ist. Wie soll eine moderne Gesellschaft organisiert werden? Nach ideologischen, gar 'rassischen' Kriterien? Wie könnte die Ordnung einer nachindustriellen Gesellschaft aussehen? – Und was ist das Deutsche? Wie lässt sich die Entwicklung hin zum «Fluchtpunkt» des Jahres 1942, dem «Tiefstpunkt» des industriellen Massenmords an den europäischen Juden erklären? Was bedeutet der «Bruchpunkt» 1945, der das Jahrhundert in zwei gänzlich verschiedene Epochen zu spalten scheint? Wie sind unsere Großeltern, Mütter und Väter da «wieder 'rausgekommen»?

Welche persönliche Bedeutung diese ebenso salopp wie prägnant formulierte letzte Frage für ihn selbst hat, erzählte Ulrich Herbert dann in der anschließenden Podiumsrunde. Die drei, ihn interviewenden Schüler – Sophia Klocke, Vera Theus und Robin Limper – orientierten sich an einem Fragenkatalog, den sie in der Arbeitsgemeinschaft gemeinsam mit einigen Kollegen und moderiert von Politikdozent und Historiker Marcus Riverein vorbereitet hatten.

Dank der Vielfalt ihrer Fragen und allein schon auf Grund der Themenfülle einiger weniger ausgewählter Kapitel erfuhren die Zuhörer nicht nur, dass der junge Ulrich Herbert in diesem «komischen Land», – dem zunächst von Verdrängung, nicht von Vergangenheitsbewältigung geprägten Nachkriegsdeutschland –, das irritierende Gefühl nicht los wurde, «mit irgendwas rücken die [Älteren] nicht 'raus»; und deshalb zunächst beschloss, Geschichtslehrer zu werden. Der Historiker beschrieb auch, wie ihn beim Nachdenken über die Studentenbewegung der 1960er Jahre sein «Eintauchen in die eigene erwachsene Lebenszeit» dazu veranlasste, «möglichst tagesgenaue autobiographische Notizen» zu machen, um einer unreflektierten subjektiven Färbung seiner Geschichtsschreibung vorzubeugen. Doch nicht nur mit Einblicken in seine Schreibwerkstatt, auch mit seinen ausführlichen und doch kurzweiligen Analysen der Weimarer Republik und des europäischen Einigungsprozesses zeigte Herbert, wie interessant und bedeutsam die Geschichtswissenschaft auch für das Leben des Einzelnen sein kann, denn: «Gegenwart versteht man nur aus Vergangenheit.» Wobei er andererseits auf eine der abschließenden Fragen aus dem Publikum, wie man sich heute – etwa angesichts der jüngsten Europawahlergebnisse – gegen rechtsradikale Tendenzen wappnen könne, ganz unprätentiös antwortete: «Von Geschichte muss man dafür nichts wissen! ... Dafür genügt normale Erziehung.»

Die Veranstaltungs-und-Lese-AG dankt Professor Dr. Ulrich Herbert für einen Abend, der uns noch lange in Erinnerung bleiben wird, und wünscht ihm alles Gute, auch für zukünftige Projekte. Dem Beck Verlag danken wir für die großzügig bemessenen Leseexemplare, die wir zum großen Teil unter unseren Zuhörern verlosen werden.

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